Press

NZZ

April 3rd, 2025

Forensic Nurses sind ein Erfolg

Seit speziell ausgebildete Pflegekräfte bei Sexualdelikten Spuren sichern, kommt es zu mehr Anzeigen.

Von Marius Huber

Sexualdelikte wie Vergewaltigungen bleiben viel zu oft ungeahndet. Fälle von häuslicher Gewalt ebenso. Daran ist die Politik von links bis rechts einig. Nur bei einem Bruchteil der Taten wird überhaupt Anzeige erhoben. Verurteilungen sind noch seltener, weil meist Beweise fehlen und es keine Zeugen gibt.

Der Kanton Zürich ist nun einen Schritt vorangekommen, um diesem Missstand etwas entgegenzusetzen. Seit einem Jahr sind hier probehalber sogenannte Forensic Nurses im Einsatz, auf Spurensicherung spezialisierte Pflegefachkräfte. Die Resultate sind sehr positiv, wie die Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli (SVP) anlässlich einer Zwischenbilanz sagte. In knapp zweihundert Fällen ist dieser Dienst bisher ausgerückt, und in 21 Fällen kam es aufgrund der gesicherten Beweismittel nachträglich zu einer Anzeige. Zum Vergleich: In den 13 Jahren zuvor geschah dies nur ein einziges Mal.

Das Problem bei Straftaten wie Vergewaltigung ist, dass eine routinemässige forensische Beweissicherung bislang nur dann vorgenommen wurde, wenn das Opfer bereit war, die Polizei einzuschalten. Dies hatte aber zur Folge, dass es zur Einvernahme auf den Polizeiposten gehen musste, was von vielen als Tortur in einer ohnehin schon schlimmen Situation empfunden wurde.

Es gab zwar schon bisher eine Möglichkeit, auch ohne Strafanzeige Beweismittel wie DNA-Abstriche oder Blutproben zu sichern. Dazu stellten das Institut für Rechtsmedizin den Spitälern eine Art Werkzeugkoffer zur Verfügung. Eine Gynäkologin der Universitätsklinik erklärte aber anlässlich der Zwischenbilanz, dass das medizinische Personal mit dieser Aufgabe zum Teil überfordert sei – und unsicher, ob es korrekt arbeite.

Die Forensic Nurses hingegen sind Profis, die sich rund um die Uhr bereithalten, um bei Bedarf in den Zürcher Notfallstationen auszurücken. Die Beweise, die sie gesichert haben, bewahrten sie während 13 Jahren auf, falls sich ein Opfer nachträglich doch noch zu einer Anzeige entschliesst. Bisher sei dies nach einem Jahr erst einmal geschehen.

Auch Männer unter den Opfern

Bei den knapp zweihundert Einsätzen im ersten Jahr ging es zu gleichen Teilen um Sexualdelikte und um häusliche Gewalt. In mehr als der Hälfte aller Fälle handelte es sich um Opfer von Frauen im Alter von 16 bis 35 Jahren. Drei Dutzend Mal waren die Opfer Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Und was laut dem Fachleute oft vergessen geht: Es gab auch männliche Opfer, in einem von sechs Fällen.

Die Mitglieder der Zürcher Regierung, die gleich zu Beginn eine Zwischenbilanz gezogen sind, um dem Thema Gewicht zu verleihen, sind sich einig: Anzeigen seien Erhöhungen der Zahl der Anzeigen unter anderem deshalb wichtig, weil dies eine abschreckende Wirkung auf die Täter habe. Die Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Mitte), in ihrer Karriere Staatsanwältin, führte den Hoffnungsdruck aus: Aufgrund der gesicherten Spuren zu mehr Verurteilungen kommen. Nicht nur zur Abschreckung, sondern auch, weil dies für die Opfer eine gewisse Ausgleichung des Unrechts bedeute, das sie erlitten hätten.

Alle Stimmen überein, dass allein mehr Forensic Nurses das Problem nicht lösen. Es gebe noch viel mehr zu tun, sagt Steiner. Die Polizei rücke jeden Tag über zwanzig Mal wegen häuslicher Gewalt aus, und die Zahl der Sexualdelikte im Kanton Zürich müsse weiter gesenkt werden. Es sollte zusätzliche zwei fixe Kompetenzzentren für Opfer von sexueller häuslicher Gewalt eingerichtet werden.

Eine Forensic Nurse mit jahrzehntelanger Erfahrung auf dem Notfall hingegen wehrt sich gegen diese Idee von falschen Annahmen aus. «Die Opfer kommen nicht vorbei und sagen direkt, dass sie von Gewalt betroffen seien – die erzählen ihren Einsatz ganz anderes.» Deshalb sei ein erfahrungssensibler Notfallstationen wichtig, um den Menschen zu helfen, auch wenn Verletzungsmuster nicht zur Geschichte passten. Sie erzählt ein Beispiel: Eine Frau mit Schmerzen habe erzählt, sie habe sich den Arm verdreht. Auf die Nachfrage, wie das passiert sei, habe sie gesagt, dass sie in die Waschmaschine gefallen habe. In diesem Moment müsse man nicht nur realisieren, dass dies unmöglich sei, weil sich eine Waschmaschine nur geschlossen drehen könne, sondern auch entsprechend handeln.

Gewalt konsequent ächten

Silvia Steiner und die Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) halten es für entscheidend, dass die Gesellschaft Gewalt gegen Frauen – und Gewalt generell – konsequent ächte. Deswegen habe sich zwar in einer Generation viel getan, seit etwa Vergewaltigung in der Ehe seit 1992 strafbar sei. Aber was sich nicht geändert habe, sei der Umstand, dass der Täter in vielen Fällen der Vater der eigenen Kinder und der Ernährer sei. Man müsse die Opfer deshalb darin unterstützen, den vermeintlich ganz zu Ende zu gehen, bis hin zu einem Strafprozess. Auch wenn dieser Weg alles andere als einfach sei.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 3. April 2025, S. 22

NZZ

August 23rd, 2019

DNA-Kit für Vergewaltigungsopfer

Mit einem neuen Instrument können Frauen ohne medizinische Untersuchung Erbgutspuren des Täters sichern

Andrea Martel, Lindau

Auf die Idee eines DNA-Spurensicherungs-Kits, das Frauen nach einer Vergewaltigung selbst anwenden können, kam Lisa Smith vor fünf Jahren. Damals nahm die Kriminologie-Professorin, die an der britischen Universität Leicester forscht, an einer internationalen Konferenz in London zum Thema sexuelle Gewalt in Konfliktsituationen teil. Smith wollte wissen, welche Rolle der Spurensicherung in diesem Kontext zukommt. Zu ihrem grossen Erstaunen spielte sie kaum eine Rolle – offenbar, weil angenommen wurde, dass es in einem Umfeld von Krieg und Gewalt gar nicht möglich sei, DNA-Spuren zu sichern.

Eine Art Tampon

Dass ohne forensisch verwertbares Beweismaterial die Chancen gering sind, Täter zu identifizieren und rechtlich zu belangen, war Smith bewusst. Ebenso wusste sie, dass ohne rasche und konsequente Strafverfolgung keine abschreckende Wirkung entsteht.
«Deshalb habe ich mir überlegt, ob wir die Art und Weise verändern können, wie wir Spuren sichern: weniger Technologie, dafür mehr Kreativität», erklärt die 42-Jährige am Rande der Weltkonferenz von Religions for Peace in Lindau.

Smith nahm die Idee mit zurück an ihre Universität – genau dorthin, wo vor 35 Jahren die für die Polizeiarbeit revolutionäre DNA-Fingerprint-Methode entwickelt worden war. Gemeinsam mit zwei Genom-Forschern stellte sie die Frage, ob sich die bereits von der britischen Polizei verwendeten DNA-Kits auch für eine Vaginaluntersuchung adaptieren liessen.

Für die beiden Spezialisten sprach nichts dagegen. Nachdem sie sich vergewissert hatten, dass weltweit noch nichts Vergleichbares existierte, begannen sie mit der Entwicklung. Das Kit ist etwa so gross wie ein Tampon, mit einem forensisch geeigneten Applikator und einer speziellen Verpackung.

Ein Prototyp wurde erfolgreich getestet: Bis zu 34 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr konnten Abstriche genommen werden, auf denen DNA-Spuren des involvierten Mannes identifiziert wurden.

Genauso zuverlässig wie im Spital

Bei korrekter Anwendung ist das Kit genauso zuverlässig wie eine forensische Untersuchung im Spital. Der entscheidende Vorteil: Es kann auch dort eingesetzt werden, wo es keine forensisch geschulten Ärzte gibt – was in vielen Entwicklungs- und Krisenregionen der Fall ist. Eine kurze Instruktion genügt, um sicherzustellen, dass die Proben korrekt entnommen, dokumentiert und versiegelt werden.

Ein weiterer Durchbruch: Die Proben müssen nicht tiefgekühlt werden. Dank eines integrierten Trocknungsmittels bleiben sie bei Raumtemperatur unbegrenzt haltbar.

Nicht für die Handtasche

Die Idee ist nicht, dass Frauen künftig ständig ein DNA-Kit bei sich tragen. Vielmehr sollen Anlaufstellen für Gewaltopfer damit ausgestattet werden. Zum einen, weil eine Drittperson für die gerichtliche Verwertbarkeit der Beweise notwendig ist. Zum anderen, weil klar ist, dass Opfer Betreuung benötigen.

Im Herbst 2019 wurde das Kit erstmals in Kenia getestet, in Zusammenarbeit mit der Wangu-Kanja-Stiftung in Nairobi. Deren Gründerin, Wangu Kanja, wurde 2002 selbst Opfer sexueller Gewalt und setzt sich seither für gesellschaftlichen Wandel ein.

Smith erhofft sich, dass das kostengünstige Kit – idealerweise über internationale Organisationen verteilt – dazu beiträgt, den Teufelskreis aus fehlenden Anzeigen, fehlenden Beweisen und fehlender Strafverfolgung zu durchbrechen. Voraussetzung dafür ist allerdings auch eine funktionierende DNA-Datenbank, die in Kenia derzeit noch im Aufbau ist.

Ob sie das Kit auch entwickelt hätte, wenn sie ein Mann wäre?
«Ich hoffe es», sagt Smith. «Denn mein Beweggrund war das tiefe Unrecht, dass wir in Europa Zugang zu Spitälern, Polizei und einem funktionierenden Rechtssystem haben – während andere nichts davon haben.»
Als Frau sei ihr jedoch eines sofort klar gewesen: «Ein Vaginal-Kit ist für Frauen völlig unproblematisch. Die meisten von uns benutzen seit Jahren Tampons. Männer wären auf diese Idee vermutlich gar nicht gekommen.»

Quelle: NZZ, Panorama, 23.08.2019

January 16th, 2022

New DNA law to fight violent crime

Forensic weapon

Shaun Smillie, Karishma Dipa, Norman Cloete and Tanya Waterworth

From next month law enforcement will be able to draw on the full crime-fighting might of forensic DNA, but some are concerned this new tool will burden an already overworked SAPS.

On Thursday, President Cyril Ramaphosa signed into law section 36D(1) of the Criminal Law (Forensic Procedures) Amendment Act.

This means that from February 1, a suspect arrested and charged with a Schedule 8 offence – which includes rape and murder – will be required to provide a DNA sample which will be uploaded onto the National Forensic DNA Database.

For DNA for Africa regional director Vanessa Lynch, the so-called DNA Act has been a long time coming. She has been waiting since 2020 for the president to sign it into law. She described it as “a positive step and a good start to the year”.

However, the head of advocacy at Women and Men against Child Abuse, Luke Lamprecht, said while the ruling was good news, it would increase the workload for police. He said he was not sure the SAPS had the “appetite” for the extra work.

“A DNA database is extremely valuable and useful. It’s a way to track people if they change their names, move around or even if they have fake IDs. With this ruling, you can now link a suspect to cases which were previously just lying on a pile somewhere. It’s like how you link guns with ballistic tests.”

The ruling means police can now solve historical crimes, but Lamprecht stressed that the challenge would be the many untested samples which run into the hundreds of thousands. The SAPS has a huge backlog of DNA samples that still need to be analysed. In May last year Police Minister Bheki Cele told Parliament the backlog stood at just over 200 000 cases.

“The police only test DNA samples when a suspect is arrested. Unless they have reference sampling, they don’t test and this has been a challenge in solving crimes. There are thousands of untested samples and it will be interesting to see how this will be addressed,” Lamprecht said. He added that in the past, SAPS had displayed an unwillingness to test all DNA samples and this resulted in an insufficient database.

“This lack of testing means we have thousands of guilty people walking free. They also need to look at the new rape kits. The new kits are made up of several boxes but at times not all the boxes have been available which means there’s a huge gap, leading to fewer prosecutions,” he said.

The Medical Rights Advocacy Network (Meran) said it opposed the new law, questioning whether police officers were allowed to take biological samples. “One of our concerns is that police maliciously arrest people all the time,” said Meran co-ordinator Mary de Haas. Before the new law it was discretionary whether DNA was taken from an arrested person.

Last year, Justice and Correctional Services Minister Ronald Lamola admitted that 96 875 Schedule 8 (violent crime) offenders had been released on parole since 2016 without providing a DNA sample.

Civil rights organisation Action Society said it welcomed the implementation of Section 36D of the Criminal Law (Forensics Procedures Act).

“DNA remains the most effective crime-fighting tool. The sampling of Schedule 8 arrestees will make a huge impact in solving cold cases, identifying repeat offenders and assisting in successful prosecutions of rapists and murderers,” said Action Society spokesperson Elna van der Walt in a statement.

Children’s rights organisation the Teddy Bear Clinic said it believed the legislation could benefit all parties involved, including victims, perpetrators and law enforcement agencies.

“This legislation is in the interest of society as a whole because it will help corroborate a victim’s case while also proving the innocence of the alleged perpetrator if they are indeed not guilty and have been falsely accused,” she said.

Shaheda Omar, who also works with children who are victims of sexual and physical assault, added that the legislation would be of particular help to youngsters. “There are often doubts cast over the evidence of children in court but making it compulsory for offenders to submit a DNA sample will go a long way in corroborating and supporting a youngster’s evidence.”

The compulsory nature of alleged offenders submitting DNA samples would also help in many cases when the accused perpetrator disappeared when a case was made against them, Omar said.

But while Omar sees the legislation as an important tool in helping find justice for victims, she would like to see law-enforcement agencies allocate more resources to the collection of DNA samples.

“We need to look at the bigger picture because there is already quite a huge DNA backlog and if it is not addressed, this legislation will be futile and will be a waste of time.”